16.03.2015

Overshoot (Überbevölkerung)

ontopic

Zum Thema "Overshoot" (Überbevölkerung) gibt es ein empfehlenswertes Buch (Wiki, en.) von William R. Catton jr. aus dem Jahr 1980(!), das heute mehr Gültigkeit hat denn je - damals zählte die Bevölkerung gerade einmal 4 Milliarden Menschen, kein halbes Jahrhundert später werden wir diese Anzahl verdoppelt haben.

[Ich kann grade nicht glauben, dass es keine deutschsprachige Fassung gibt!]

Seine Ausführungen zu dem Thema sind recht nüchtern und haben dazu beigetragen, dass ich erst so richtig verstanden habe, was "Überbevölkerung" für uns wirklich bedeutet. Irgendwie hatte ich dabei das naive Bild im Kopf von Menschen in einer Sardinendose.

Dass "overshoot" schon passiert, lange bevor man es wirklich spürt (durch Auslagern der Probleme in andere Gegenden oder durch Stehlen von der Zukunft) ist mir jetzt erst so richtig klar. Das Buch kann ich wirklich nur empfehlen.

Für die Lesemuffel eine sehenswerte ZDF-Doku: Kollaps der Menschen durch Überbevölkerung. (Diese Doku nimmt auch gleich die Misere mit der Entstehung der Landwirtschaft vorweg, auf die ich früher oder später auch noch eingehen werde.)

Außerdem sehenswert die Sendung "Scobel" (3sat) vom 22.09.2011 - mit einem optisch einprägsamen Doomsday-Szenario ab 9:45.


Begriffsklärung:

  1. Carrying Capacity: "Tragfähigkeit" (Wiki, dt.) = maximale Population (einer Spezies) mit einer bestimmten Lebensweise, die ein Lebensraum auf Dauer aushalten/ernähren kann

  2. Overshoot: Das Überschreiten der carrying capacity = Überbevölkerung (Wiki, dt.)

Eine zu große Population einer Spezies verursacht zweierlei Probleme für die Umgebung (population pressure = Bevölkerungsdruck):

Abfall: An und für sich hat die Natur es so eingerichtet, dass in Kreisläufen all das, was eine Spezies ausscheidet, von einer anderen verwertet wird. Auch totes Material wird zersetzt und gelangt so wieder in den Kreislauf - alles, was der Umwelt entnommen wurde, kehrt auch wieder zurück, für jeden Schritt gibt es Organismen, die darauf spezialisiert sind.

Problematisch wird Abfall, wenn er in Mengen auftritt, der nicht mehr abgebaut werden kann oder wenn er so toxisch ist, dass kein Organismus ihn anrührt. Ein neuartiges Problem sind Abfälle, die überhaupt nicht verrotten können...

Ressourcen (Nahrung, Wasser, Luft,...): Jeder Lebensraum kann naturgemäß nur eine begrenzte Menge an Pflanzen oder Tieren erhalten. Dies variiert sehr stark und hängt von klimatischen Bedingungen, Bodenzusammensetzung, geologischen Gegebenheiten, Konkurrenz von anderen Spezies und - above all - der Lebensweise ab.


Overshoot und der danach folgende Kollaps einer Spezies oder Population sind nicht neu oder selten - Beispiele dafür gibt es in der Tier- und Pflanzenwelt, aber auch in unserer eigenen Geschichte (Osterinseln, Wiki dt.), genug. Besonders auffällig ist das Phänomen, wenn ein natürlicher Feind einer Spezies plötzlich ausfällt (Raubtier, Krankheitserreger,...).

Beispiel St. Matthews Island

1944 wurden 29 Rentiere auf die St. Matthews Island gebracht. Die Forscher verließen bald darauf die Insel und überließen die Rentiere sich selbst. 1957 wurden 1.350 Rentiere gezählt, 1963 war die Herde 6.000 Tiere gewachsen. (Schätzungen ergeben, dass die "carrying capacity" von Rentieren auf dieser Insel bei etwa 2.000 Tieren liegt.)

Zu diesem Zeitpunkt war die Hauptnahrungsquelle - Flechten - bereits abgenagt, die Rentiere fraßen sich durch das verbliebene Riedgras.

Als die Forscher 1966 zurück kamen (nur 3 Jahre nach dem "Peak"!), war die Herde auf 42 Rentiere geschrumpft, darunter nur ein (unfruchtbares) männliches Tier - 1980 waren Rentiere wieder von der St. Matthew Island verschwunden - kurz: die Population hatte sich NICHT wieder erholt.

Es gibt sogar einen Cartoon zu dieser Story: Stuartmcmillen.com (en.)

Hier wird das schlagend, was Thomas Robert Malthus (Wiki dt.) gesagt hat: Die mögliche Fortpflanzungsrate des Menschen (oder jeder anderen Spezies) ist exponentiell, wenn sie nicht eingedämmt wird. Malthus war dahingehend optimistisch, dass er davon ausging, dass Overshoot nicht möglich sei, da es immer Mechanismen gibt, die eine Bevölkerungswachstum in Schach halten.

Wir wissen heute, dass dem nicht so ist. Wir haben nach und nach die uns eindämmenden Faktoren beseitigt - Raubtiere sind keine Bedrohung mehr, das gleiche gilt für Wind und Wetter, viele Krankheiten wurden besiegt, jahrezeitlich bedingte Herausforderungen sind kein Thema mehr, natürliche Grenzen wurden durch Technik ausgetrickst,...

Seit etwa 200 Jahren befindet sich die Wachstumskurve (Grafik) nun am Hochschießen - in der Zeit sind wir von ½ Milliarde auf mehr als 7 Milliarden gewachsen.


Dabei "overshooten" wir auf unterschiedliche Arten - wir sind nicht nur zu viele, "wir" leben auch weit über unsere Verhältnisse. Vor allem in der westlichen Welt ist der "ökologische Fußabdruck" jedes einzelnen Menschen weit größer als ihm zustünde, aber Asien holt uns mit Riesenschritten ein.

Catton hat den Begriff des "homo colossus" geprägt - wir gehen nicht mehr als "Mensch" durch die Welt, sondern trampeln dinosauriergleich durch die Landschaft, mit all der Industrie und Mobilität und Bequemlichkeit, auf die wir nicht mehr verzichten möchten/können.


Wir bringen unsere Umwelt auf zwei Arten in Bedrängnis - wir haben uns eine Zivilisation aufgebaut, die davon abhängig ist, immer schneller immer mehr Ressourcen aufzubrauchen, die nicht ausreichend nachwachsen können. Wir produzieren dabei aber auch so viel Müll (und so viel nicht-verwertbaren Müll!), dass die Umwelt erstickt.

Bisher ging das einigermaßen gut, denn wir haben es geschafft, durch verschiedene Methoden die carrying capacity unseres Lebensraums ständig auszuweiten:

Mit der Einführung des Ackerbaus wurde Nahrung effizienter bereit gestellt, daher konnte die Bevölkerung stark anwachsen. Mit der Erfindung des "industriellen Ackerbaus" (= Züchtung von "effizienteren" Sorten, Kunstdünger, künstliche Bewässerung, maschinelle Bewirtschaftung) konnte noch mehr Nahrung erzeugt werden.

Außerdem hat uns die Erfindung des Ackerbaus vor allem eins gebracht: Wir haben "Qualität" zugunsten von "Quantität" aufgegeben. Wir können heute zwar viel mehr Menschen ernähren als früher (als wir noch Jäger und Sammler waren), allerdings ist die Qualität der Nahrung dadurch dramatisch gesunken.

Der "Evolution" ist das egal. Für die Evolution zählt nur das Fortbestehen der Art - Lebensqualität oder Zufriedenheit sind keine Maßstäbe der Evolution.

Expansion (Landübernahme) war auch lange ein probates Mittel, die carrying capacity zu erhöhen - als es in Europa zu eng wurde, wanderte man nach Amerika aus oder versklavte Kolonien in Afrika. Oder man macht es wie China und kauft sich überall ein.

(Übrigens: Ich hab's mit einer Flucht nach Tamsweg versucht, aber dort wohnen auch schon eine Menge Leute. Seht ihr, wie geschickt ich damit einen Hinweis auf einen "Reisebericht" hier hineingeschummelt habe?)

Handel ist ebenfalls eine Art, die carrying capacity zu erhöhen - woran es in einem Gebiet mangelt, ist vielleicht in einem anderen in Überfluss vorhanden.

Die Ausrottung mancher Tierarten, die als Konkurrenz zu Menschen auftraten oder die organisierte (= industrielle) Nutzung derselben als Nahrung sicherte den Menschen Platz 1 in der Nahrungskette.

Durch die "Errungenschaften" der Industriellen Revolution wurde die carrying capacity noch mal erhöht - man zapfte Energie an, die vor vielen Millionen Jahren in der Erde gespeichert worden war.

Was den Müll betrifft, sind die meisten Lösungen eher beschämend als nutzbringend: Wir vergraben, verbrennen, versenken im Meer, recyclen, drehen unsere "Abfallprodukte" anderen als nützliche Ressource an, knallen ihn Ärmeren vor die Füße,...


Jeder einzelne dieser Schritte brachte aber Probleme mit sich, und heute befinden wir uns in einer Situation, dass die carrying capacity der Erde täglich schrumpft:

# Böden werden unfruchtbarer und brauchen immer mehr künstlichen Dünger.
# Versalzung von Böden durch künstliche Bewässerung, Entleerung von Reservoirs.
# Erhöhte Anfälligkeit durch Spezialisierung, Monokulturen.
# Grünflächen werden zubetoniert: für Straßen, Parkplätze, Einkaufszentren, Flughäfen, Wohnhäuser,...
# Sauberes Trinkwasser wird immer knapper (Verschmutzung, Verbrauch in Landwirtschaft, Industrie).
# Fischbestände sind rückläufig.
# Weltweiter Handel ("Agrarkolonialismus") bringt besonders arme Länder um ihre Selbstversorgungsgrundlage.
# Klimawandel: zB steigender Meeresspiegel, Ernteausfälle durch extremes Wetter, Veränderung der Jahresezeiten,...



Eine Charakteristik von Overshoot ist, dass durch die Überbelastung ("Raubbau") die ursprüngliche carrying capacity sinkt.


Haben wir nun eine "overshoot" - Situation? Ja, ganz bestimmt - das sagen alle "Fußabdruckrechner". Ich weiß nicht, wieviele Erden wir momentan bräuchten, aber wir haben nur eine (What ist Ecological Overshoot? (Kurzfilm, en)).

Man hört immer wieder, dass wir genug Nahrungsmittel erzeugen würden, um die Weltbevölkerung zu ernähren, das Problem wäre nur die Verteilung, aber "Menge an Nahrung" ist eben nicht das einzige Problem.

Wieviele Menschen kann die Erde aushalten? Schätzungen variieren sehr stark, und es kann darauf keine Antwort geben, solange man man sich nicht über den Lebensstandard unterhält. In der letzten Zeit gibt es vermehrt Modelle, die vorhersagen, dass sich die Bevölkerung tatsächlich bis Mitte des Jahrhunderts stabilisieren wird, so bei ca. 10 Milliarden Menschen.

Der heutige westliche Lebensstil kann für keine noch so geringe Anzahl Menschen auf Dauer aufrecht erhalten werden, da wir nicht nachhaltig leben, also nicht nachwachsende Ressourcen ge- und verbrauchen. Selbst wenn man sich auf einen einigermaßen moderaten "modernen" Lebensstandard einigt, liegt die Zahl wahrscheinlich sehr viel näher bei 1 als bei 7 Milliarden Menschen.

Leider wird das großflächig ignoriert, verdrängt oder zum bloßen Verteilungsproblem (Youtube, dt.) gemacht. Oder auf den nächsten "technological fix" verwiesen. Es gilt auch als "menschenverachtend", überhaupt über dieses Thema nachzudenken, denn wie kann man Gesetzmäßigkeiten der Biologie auf Gesellschaften übertragen. Häh?

Ich finde es sehr anmaßend anzunehmen, Gesellschaften könnten abgekoppelt von biologischen Gesetzmäßigkeiten existieren. Wie soll das gehen? Egal, ob es um Wirtschaftswachstum geht oder um Peak Oil oder um Bevölkerungswachstum: Es sagt einem doch der Hausverstand, dass auf einem räumlich begrenzten Planeten mit endlichen Ressourcen irgendwann mal Schluss ist.

Wann werden wir verstehen, dass wir Teil des Organismus Erde sind und - letztendlich - ihren Gesetzmäßigkeiten unterliegen wie alle anderen Spezies auch?

Noch mal: Natürlich ist das entscheidendere Kriterium NICHT die Anzahl, sondern die Art und Weise, WIE wir leben. Je bescheidener der einzelne, umso mehr von uns kann die Erde aushalten.


Aber natürlich wollen wir das in der westlichen Welt schon gar nicht hören, denn WIR brauchen ja Wachstum (in der Wirtschaft und in der Bevölkerung), denn wer wird denn unsere Pensionen bezahlen?

Für meinen Pensionsantritt wurde das Jahr 2042 ausgerechnet. Also wenn 2042 meine größte Sorge sein wird, wer meine Pension bezahlt, dann haben wir sehr sehr viel Glück gehabt.

Abgesehen davon sind wir Menschen nicht alleine da, so gesehen finde ich es auch anmaßend, dass wir Menschen uns auf Kosten aller anderen Arten ausbreiten - weil wir eben alles verdrängen und ausrotten, was sich nicht wehren kann. Gegen uns ist eben kein Kraut gewachsen. Aber was macht das schon, wir sind Menschen, wir sind speziell.

Trotz allem: So wie es aussieht, wird es (in nicht allzu ferner Zukunft) eine drastische Reduktion des Bevölkerungsdrucks geben (müssen) - ob durch eine vereinte, kontrollierte Anstrengung, den Gesamtfußabdruck zu verringern (durch Einschränkung der westlichen Lebensart auf ein verträgliches Maß und eine Stabilisierung der Bevölkerungszahl = Reduktion der Geburtenraten) oder durch Kriege, Hungersnöte, Naturkatastrophen oder Epidemien, das wird sich zeigen.


 
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